Thüringen Erfahren in 2020

Jeder Mensch hat seine Reise. Einen kleinen Ausschnitt meiner Reise nutze ich und lade ein, teile aus, sammel ein – Thüringen Erfahren ist nun im dritten Jahr, ein besonderes Jahr. Die Pandemie ist zum Alltag geworden, im Beruf, in der Familie und mit Freunden und ebenso in den Hobbys. Auch das kleine Event Thüringen Erfahren muss sich den Leitplanken der Pandemie beugen. Trotzdem darf und hat sie stattgefunden.

Über Wochen spekulieren Martin und ich, ob wir Thüringen erfahren veranstalten können. Martin ist in diesem Jahr der Kopf hinter dem Track, seine Idee einer Runde wurde bei einem schönen Abend ausgearbeitet und dann nach und nach noch verfeinert. Es ist schön, wenn sich Leute beteiligen, geteilte Arbeit und ist immer leichter.

Karte des Track von Thüringen erfahren 2020

Am Ende dürfen wir veranstalten, mit Auflagen und einem Hygieneplan. Einige Teilnehmer:innen starten bewusst an anderen Orten und Zeiten. Das nimmt mir die Gespräche mit ihnen, aber auch die Organisation vor Ort am geplanten Start. Alle anderen kommen zum Start, unterhalten sich mit Abstand und genießen den leckeren Kuchen meiner Frau. Am Abend zuvor haben wir noch spekuliert, ob ein Blech ausreicht – so viele Teilnehmer sind es sicher nicht. In Eigenregie entstehen dann zwei Blech-Kuchen – wunderbar, wie ich und andere finden. Am Ende ist der Kuchen weggeputzt und hilft sicher einige km auf dem Weg von Thüringen erfahren.

Gestartet wird in Gruppen. Die erste Gruppe darf nach 10 Uhr morgens los, die letzte ist ab 11 Uhr auf dem Track. Die Gespräche bleiben durch den Abstand auf der Strecke, der Spaß am Rad fahren nicht.

Der Track ist ein Leckerbissen, wie ich finde. Es sind rund 500km zu erradeln, dabei stellt man sich 7000hm und vielen schönen Regionen, Ausblicken und historischen Besonderheiten. Ich freue mich darauf – wie jedes Jahr bin ich der gespannteste Teilnehmer. Ich habe große Freude an langen Strecken, an Herausforderungen, aber zu wenig andere Themen, Aufgaben und Hobbys um ausreichend auf dem Rad zu sitzen. Also um so besser, es geht wieder los.

Im Gegensatz zum letzten Jahr haben wir die besten Wetteraussichten, Sonne satt. Natürlich wurde auch dementsprechend gepackt – ich lasse alles, was nach Regen aussieht, zu Hause. Leider auch einige wärmende Sachen, wie wir später noch spüren werden.

Schriftzug auf dem Asphalt

Vom Start weg sind die Leute in kleinen Gruppen oder einzeln unterwegs. Bei der Langstrecke muss jeder sein Tempo finden, sich finden. Ab und an trifft man Teilnehmer:innen, was für einige kurze Gespräche ausreicht. Einen Menschen in die Tiefe kennenlernen, dafür reicht es nicht, dafür braucht es gemeinsame km in der Einsamkeit und eine Nacht ohne Komfort, finde ich.

Martin und ich wollen bewusst zusammen fahren, es passt sehr gut, im Tempo und Geist. Wir können lange fahren ohne Reden, ohne das es peinlich ist. Wir können uns bereichern, haben gemeinsame Themen und wir können Diskutieren, Streiten – nicht immer ein Nenner, aber es bleibt ein Rest zum Nachdenken. Wir haben zu wenig Zeit im Alltag dafür, daher sind diese Strecken genau richtig.

Die ersten km sind schön, man hat zu schauen, man hat viel vor sich. Der Kyffhäuser und Buchenwald sind Eckpunkte, die besonders herausstechen. Wir fahren die Straße nach Buchenwald, die „Blutstaße“ – steht auf dem Navi. Hier sollte und kann man Nachdenken. Scheinbar tun dies zu wenig, zumindest sagen mir das die Zahlen nach Wahlen in Deutschland. Das Rad fahren hat die wunderbare Geschwindigkeit, um die Umgebung wahrzunehmen und den Geist zu nutzen. Gerade hier ist dies eine gute Eigenschaft.

Ich freue mich schon jetzt auf die Region um Eisenach. Ich habe diese Heimat vor elf Jahren verlassen, habe besondere Ecken und Straßen eingebaut, die mich erinnern, die den anderen hoffentlich gefallen. Ein Besuch der Wartburg darf nicht fehlen, den „Metilstein“ gegenüber sehen und auch Historie bestaunen. Martin Luther hätte bestimmt gern ein Rad gehabt, ab und an die Taverne im Ort und schnell zurück.

Wartburg bei Eisenach

Ab hier verlieren wir zwei unser Mitstreiter, wir sind nun nur noch zu zweit unterwegs. Es ist ein später Abend, der Himmel klar. In der Auffahrt zur Wartburg steht mein Sohn, er darf bei Oma und Opa heute lange aufbleiben und mich anfeuern – so schön, auch wenn er wohl nicht versteht, was wir hier treiben.

Es geht nun weiter in die Nacht. Besonders eindrucksvoll ist sie, kalt und still. Wir entdecken die Landschaft neu, ganz anders als mit Licht. Parallel sind die Straßen leer, so gut wie kein Autokontakt, man hat die Breite des Asphalts für sich. Es ist schön, es ist besonders, es hinterlässt Spuren.

Die kommenden km laufen gut, wir fahren durch den Thüringer Wald, passieren den Rennsteig und dürfen bei Ev und Jan einkehren. Ganz frischer Haferschleim und Kaffee, mitten in der Nacht – vielen Dank ihr Lieben.

Weiter von dort Richtung Oberhof, weiter in die Höhe. Oberhof nutzen wir für einen kurzen Stopp, Essen und alles anziehen, was wir dabei haben. Es ist kalt, hier oben ganz besonders. Die Region der Ski-Spitzensportler wirkt in der Nacht eher wie ein Industriepark, laute Maschinen und viel Stahl. Keine Romantik vom Skilanglauf, vom Biathlon oder dem Thüringer Wald. Auf dem Weg zur Schmücke, der höchste Punkte der Tour, entdecken wir abwechselnd Tiere, real oder nicht? Die Kälte fängt an uns zuzusetzen. Mehr Treten, schneller, wärmer werden und mehr Kraft verbrauchen – ein Teufelskreis. Irgendwo vor Schwarzenberg suchen wir ein EC-Hotel auf. Wir lassen uns 15min aufwärmen. Die Finger kommen wieder, sie lassen sich wieder krümmen. Aber dann weiter, wir wollen nicht einschlafen oder den Körper runterfahren. Weiter, immer in Richtung Frühstück nach der Nacht.

Ab Saalfeld fangen wir ernsthaft an und Suchen den Bäcker, einen Kaffee. Es gelingt nicht gleich, also weiter nach Könitz, die erste Adresse aller Hungrigen in der Region. Wunderbar, kaum zu glauben wie ein Kaffee und frisch belegtes Brötchen am Morgen schmecken können. Die restlichen rund einhundert km sind bekanntes Terrain. Hier ist unser Sandkasten, hier spielen wir am Wochenende und toben uns aus. Daher kennen wir den Asphalt und die Sehnsucht nach dem Ziel, dem zu Hause ist nun spürbar. Das Frühstück tut sein Übriges. Es ist wieder Saft in den alten Knochen. Auf der Strecke werden wir angefeuert. Es ist wunderbar, wenn sich Menschen für das eigene Tun interessieren. Wir halten trotzdem nicht, es ist gerade jetzt im Fluss, ein Stopp zerstört ihn. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen und ich versuche es im Nachgang zu erläutern. Zum Schluss bekommen wir noch weibliche Begleitung, Martins Frau und meine Liebe kommen uns entgegen. Noch bin ich im Tunnel, vorwärts und kann diese Geste nicht dankbar zurückgeben. Ich brauche die Ausfahrt, die letzten km sind mir wichtig, da passiert was im Körper und jede Begegnung stört diesen Prozess. Es ist sicher undankbar, es tut mir später leid, aber es war einfach kein Platz für Stoppen und dankbar sein.

Martin und ich nach Thüringen erfahren 2020

Im Ziel fällt alles ab, die Freude ist groß. Es waren wieder tolle Eindrücke, von der Strecke, von uns, vom Geist. Es ist besonders, es ist anders, es ist hoffentlich nie vorbei. Ich bin gern unter unseren Lieben. Aber hier ist oft noch kein Raum. Mit sich sein ist einfacher, man vermisst die Menschen die einem Lieb sind, hat aber Zeit sich darauf vorzubereiten, den Geist und Körper in den Alltag zu entlassen.


Ein letzter Leckerbissen. Die Tour ist schon länger vorbei. Meine Tochter hat ein kleines Projekt im Rahmen der Schule, 9. Klasse, und wählt die Form einer Reportage in Videoform. Sie nimmt sich Thüringen erfahren, will Teilnehmer zu Wort kommen lassen und baut ein Video als Resultat. Schaut selbst.

Ein Kommentar

  1. Hallo Frank,

    schöner Text. Und auch ein tolles Video (Lob an Deine Tochter).

    ‚Thüringen erfahren‘ rockt! Vielen Dank für Deine und Eure Arbeit mit dem Track. Das ist schon besonders an dieser Fahrt.
    Für mich steht ja noch die zweite Hälfte an, ich warte auf ein Wochenende mit etwas weniger Regen ;-).

    Viele Grüsse aus Hannover
    Stefan

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